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Leseprobe für Erwachsene

Der verlorene Ehering

Stefan verdrehte die Augen. Mama war ja am Heiligabend ohnehin schon immer wahnsinnig aufgeregt, aber  heute war es besonders schlimm. Denn Mama suchte ihren Ehering. Und sie war überhaupt nicht gut drauf. Papa erledigte die letzten Festtagseinkäufe in diesem Jahr allein, denn Mama musste ja den Ring suchen. Wie  gerne wäre Stefan mit Papa gefahren, aber er sollte bei der Suche helfen. Inzwischen hatten sie das Haus schon mehrfach von oben bis unten durchsucht. Mit Erfolg. Stefans Matchbox-  Auto, das er voriges Jahr verloren hatte, hatte sich in der kleinen Ritze zwischen der Tür und dem  Kleiderschrank im elterlichen Schlafzimmer gefunden. Stefan konnte sich nicht erinnern, jemals mit seinen  Autos in dem Zimmer gespielt zu haben. Auch Mamas lange vermissten Ohrringe waren wieder da. Stefan  hatte sie gefunden, und zwar im Vorratsschrank zwischen den Gläsern mit dem eingekochten Obst vom  Herbst.  Nur der Ring war nicht aufgetaucht. Mama war mit den Nerven am Ende. Das mochte ja ein netter Heiligabend werden.  Als Papa zurück war und alle Einkäufe ausgepackt hatte; Stefan hatte fleißig geholfen und versucht, die  Sachen zu durchwühlen in der Hoffnung, ein verspätet gekauftes Weihnachtsgeschenk zu entdecken; machte  Papa sich in der Garage und im Keller auf die Suche nach dem Ring. Stefan hatte ja so eine Vermutung, wo der Ring sein könnte. Eigentlich machte Mama den Ring immer ab,  wenn sie Essen zubereitete, aus hygienischen Gründen, wie sie sagte. Nun, wahrscheinlich hatte sie es heute  in der ganzen Aufregung vergessen, und der Ring hatte es sich gemeinsam mit Zwiebeln und Äpfeln in der  Pute gemütlich gemacht und schwitzte im Backofen vor sich hin. Stefan schloss innerlich Wetten ab, wer sich  wohl einen Zahn an dem Ding ausbeißen würde. Aber das sagte er natürlich nicht. Die Vorstellung, wie Mama zum Ofen stürzte, die Pute rauszog und zerpflückte, war allerdings schon so  komisch, dass er Mühe hatte, nicht laut los zu prusten. Aber wenn der Ring dann doch nicht in der Pute war...  Dann gab es keinen Ring und kein Weihnachtsessen, und er würde wahrscheinlich seine Geschenke nicht  bekommen. Nein, auf die Idee mussten Mama und Papa schon selber kommen. Oder sich notfalls die Zähne  ausbeißen. Er hoffte nur, dass er dann nicht lachen musste. Papa hatte in der Garage und im Keller auch nichts gefunden. Na ja, den Hammer, den er seit Wochen  vermisste, Stefans Tennisball, den Ersatzhausschlüssel, den Stefan verloren hatte – einen Haufen wichtiger,  aber im Moment eher unbrauchbarer Dinge. Papa nahm Mama in den Arm und tröstete sie. „Ich bleibe auch ohne Ehering bei dir, Liebes.“ Dabei zwinkerte  er Stefan über Mamas Schulter hinweg zu. Was sollte das denn jetzt heißen?   Die Stimmung am Essenstisch war nicht besonders gut. Nur Stefan war aufgeregt. Er wartete darauf, dass  jemand den Ring in der Pute fand. Und außerdem gab es nach dem Essen die Bescherung. Hoffte er  zumindest.  Aber er wurde enttäuscht. Zumindest was den Ring in der Pute anging. Das Essen schmeckte herrlich, und  irgendwie war er sogar froh, dass es nicht durch so ein kleines Metallding verschandelt wurde. Dann kam die Bescherung. Mama hatte eigentlich ja keine richtige Lust, aber für Stefan war ein verlorener  Ehering natürlich kein Grund, sich die Freude an der neuen elektrischen Autorennbahn mit Looping verderben  zu lassen.  Papa holte ein kleines Päckchen aus seiner Westentasche und reichte es Mama. „Trotz allem: ein schönes  Weihnachtsfest, Liebes.“ Nur Stefan sah das leichte Glitzern in Papas Augen und das feine Lächeln um seinen Mund. Das sah aus wie  neulich, als er auf Papas Schoß das Auto aus der Garage fahre wollte und Papa gesagt hatte, dass Mama das  nicht wollte. Dann hatte er Stefan auf seinen Schoß gezogen, und gemeinsam hatten sie den Wagen aus der  Garage gefahren. Da hatte er auch so gelächelt, und seine Augen hatten genau so geglitzert wie jetzt. Stefan  vergaß für einen Moment seine Autorennbahn. Das schien interessant zu werden. Mama hielt das kleine Päckchen einen Moment in der Hand, dann packte sie es aus. Ihre Augen wurden riesig,  als sie ihren Ehering aus dem Papier schälte. „Was...?“ „Pack erst weiter aus, Liebes.“ Mama warf Papa einen Blick zu, der das Ende der Welt oder das Paradies bedeuten konnte, Stefan war sich  bei Mamas Blicken nie so ganz sicher, und packte weiter aus.  Und dann hielt sie das zweite Teil aus dem Päckchen in der Hand, drehte es ins Licht und sah es mit offenem  Mund staunend an. „Der ist wunderschön....“, hörte Stefan sie flüstern. „Ich hab dir im Schlaf den Ehering abgezogen, weil ich die Größe von dem anderen Ring gleich passend  einstellen lassen wollte. Und ich konnte dich ja schlecht fragen, ob du mir den Ehering mal leihst. Natürlich  hätte ich dir auch den Finger abschneiden können...“ Er nahm Mama in die Arme.  „Du Schuft!“ Sie schlug ihm mit der Faust vor die Brust und lachte glücklich, bevor sie ihm einen langen, für Stefans  Geschmack zu langen Kuss gab. Aber egal, es war wieder alles in Ordnung. Stefan konnte sich beruhigt wieder mit seiner Autorennbahn beschäftigen.