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Leseprobe für Kinder

Der Schokoladennikolaus

Peter stand mit glänzenden Augen in der Haustür. Es war eigentlich zu früh, um dort zu stehen, bis zum normalen  Aufstehen dauerte es noch eine gute Stunde, und außerdem war es sehr kalt. Der Nikolaustag würde der erste richtig  kalte Tag des Winters werden, wenn die folgenden Stunden das hielten, was der Morgen versprach.  Außer Peters Augen gab es noch einiges mehr, was da so vor der Hautür glänzte. Eine noch recht dünne und vor allem  lückenhafte Schneedecke glänzte im Licht der Straßenlampen, und Peters Schuhe, die vor der Tür standen, glänzten  mit seinen Augen um die Wette. Immerhin hatte Peter sie am Vorabend fast eine Stunde geputzt, da war es kein  Wunder, dass sie so herrlich glänzten. Das hatte offenbar auch dem Nikolaus gefallen, denn er hatte einiges an Gaben in die beiden Schuhe gestopft. Aus  dem einen Schuh ragte das Vorderteil eines blauen Spielzeugautos heraus, ein richtiger Rennflitzer, stellte Peter fest,  und daneben leuchtete eine Orange. Aus dem anderen Schuh blinzelte Peter ein riesiger Schokoladennikolaus  entgegen.  Auf der anderen Seite der Haustür standen zwei weitere Schuhe, aber die glänzten nicht. Jedenfalls nicht so wie die  von Peter. Sie gehörten Andreas, Peters großem Bruder. Na ja, und der glaubte nicht mehr an den Nikolaus, sagte er  jedenfalls, aber Geschenke wollte er dann doch haben. Also stellte er seine Schuhe raus, aber putzen... Ein 13-jähriger  Junge putzte doch seine Schuhe nicht mehr für den Nikolaus. Das war etwas für kleine Kinder.  Andreas tauchte hinter Peter im Türrahmen auf. Sein Blick wanderte zwischen den beiden Paar Schuhe hin und her.  Peters waren bis oben gefüllt, die von Andreas schienen bis auf eine Rute leer zu sein. Peter hütete sich, etwas zu  sagen, auch wenn er innerlich grinste. Offenbar gab es zumindest am Nikolaustag so etwas wie Gerechtigkeit.  Andreas schob ihn nicht gerade sanft zur Seite und hob nacheinander seine Schuhe auf und schüttete den Inhalt in  seine Hand. Aus dem einen Schuh purzelten zwei Orangen und einige Nüsse sowie ein paar Kekse. In dem anderen  waren außer der Rute noch ein Paar Socken und ein Päckchen Bleistifte für die Schule.  Nun fiel es Peter wirklich schwer, ein Grinsen zu unterdrücken.  Manchmal war es halt einfach besser, sich nicht wie ein 7-jähriger Junge zu benehmen, dem Nikolaus,  Weihnachtsmann und Osterhase egal waren. Wenn der Nikolaus ihn immer so belohnen würde, dann konnte Peter sich  ruhig ein Mal im Jahr wie ein kleiner Junge benehmen, beschloss er.  „Und der Streber hat mal wieder die besten Sachen in seinen nach Käse riechenden Schuhen. Dass Mama sich  überhaupt traut, die anzufassen.“  „Das war nicht Mama, das war der Nikolaus“, erklärte Peter seinem großen Bruder, wie er einer kleinen Schwester  erklären würde, dass der Storch die Babys brachte.  „Ach ja? Ich wird dir mal zeigen, was ich mit dem Nikolaus mache.“  Schnell schnappte sich Andreas den Schokoladennikolaus aus Peters Schuh und riss die Staniolverpackung von der  Figur herunter. Dann biss er mit einem einzigen Happen den Kopf ab.  „So, jetzt ist dein Nikolaus ein toter Nikolaus. Ich habe ihn geköpft“, grummelte er mit vollem Mund und mampfend vor  sich hin. Peter wurde wütend. Sicher war es auch witzig, wie sich sein Bruder aufführte, obwohl er angeblich nicht an den  Nikolaus glaubte; musste man denn jemandem, an den man nicht glaubte, den Kopf abbeißen; aber der Spaß kostete  Peter immerhin einen riesigen Schokoladennikolaus.  Erwartungsvoll sah Andreas ihn an. Aber Peter würde sich eher die Zunge abbeißen, als ihm das an den Kopf zu  werfen, was ihm auf der Zunge lag. Und er würde nicht weinen. 7-jährige Jungen weinen nicht, wenn ihr älterer Bruder  ihren Schokoladennikolaus auffutterte. Das war eines der ungeschriebenen Gesetze, an die sich kleiner Brüder halten  mussten, um einigermaßen unbeschadet durchs Leben zu kommen.  Andreas kümmerte sich derweil weiter um den Schokoladennikolaus. Der Bauch verschwand gerade in seinem Mund,  dem nächsten Bissen würde wahrscheinlich der Rücken zum Opfer fallen. Peter wettete, dass sein Bruder nicht mehr  als insgesamt fünf Bissen brauchen würde.  „Na, willst du nicht endlich zu Mama laufen und petzen?“, schmatzte Andreas.  Peter schüttelte den Kopf. Und machte große Augen. Nein, das stimmte nicht ganz. Er machte riesige Augen. Dann hatte auch Andreas mitbekommen, dass etwas nicht stimmte. Er hörte auf zu kauen und horchte. Hinter ihm  knirschte der Schnee. Andreas drehte sich um. Und machte noch riesigere Augen als Peter.  Vor ihnen stand der Nikolaus.  „So, wollen doch mal sehen, ob du mir auch den Kopf abbeißen kannst“, dröhnte der Nikolaus.  Andreas wurde ganz blass im Gesicht. Der könnte sich jetzt im Schnee verstecken, und niemand würde ihn finden,  dachte Peter. Andreas ließ den Schokoladennikolaus fallen.  „Nein“, stotterte er, „das war nur ein Scherz, ich meine, ich kaufe Peter nach der Schule gleich zwei neue  Schokoladennikoläuse von meinem Taschengeld.“  Nikolaus nickte. „Wenn nicht, komme ich nächstes Jahr wieder, aber nicht, um dir Geschenke zu bringen.“  Jetzt nickte Andreas. Und Peter grinste. Nikolaus drehte sich um und stampfte durch den Schnee davon.  Andreas kaufte wirklich nach der Schule zwei riesige Schokoladennikoläuse für Peter. Und beide wurden die besten  Freunde.  Und im nächsten Jahr standen zwei Paar glänzende Schuhe, bis oben voll gepackt mit herrlichen Sachen, am Nikolausmorgen vor der Haustür.